Die Arbeiten von Lucia Fischer bewegen sich im Spannungsfeld von Malerei, Materialprozess und Wahrnehmung. Ausgangspunkt ist kein vorab festgelegtes Bild, sondern ein thematisches, kulturelles, poetisches oder persönliches Resonanzfeld, das den Arbeitsprozess aktiviert, ohne illustrativ dargestellt zu werden. Historische, gesellschaftliche oder biografische Kontexte erscheinen dabei nicht als Motiv, sondern wirken als innere Ausgangslagen, die in den Prozess einfließen und dessen Entwicklung mitprägen.
Im Zentrum steht eine Arbeitsweise, die auf Zeit angelegt ist. Fließende Farben werden in Schichten aufgetragen, beobachtet, weitergeführt, teilweise überarbeitet oder wieder entfernt. Die Materialien entfalten dabei eigene Dynamiken, die weder vollständig kontrolliert noch dem Zufall überlassen werden. Die Künstlerin setzt Bedingungen, trifft Entscheidungen und reagiert auf das, was sich im Verlauf der Arbeit zeigt. Form entsteht nicht als Umsetzung einer vorgefassten Vorstellung, sondern aus einer fortlaufenden Aushandlung zwischen Materialbewegung, Wahrnehmung und künstlerischer Entscheidung.
Lucia Fischer entwickelt keine Bilder nach einem Entwurf, sondern schafft Bedingungen, unter denen sich Bildformen über Zeit aus dem Zusammenspiel von Material, Wahrnehmung und Entscheidung heraus entfalten können. Verdichtung, Aussparung, Überlagerung und Fließbewegung werden dabei zu bildbestimmenden Kräften. Sie erzeugen Strukturen, die sich zunehmend organisieren und als eigenständige Erscheinungen wahrnehmbar werden.
In diesem Prozess entstehen figürliche, körperhafte oder gesichtsartige Formen, die nicht bewusst dargestellt werden. Sie treten als Lesbarkeiten innerhalb komplexer Materialzusammenhänge hervor
und bleiben zugleich offen für unterschiedliche Wahrnehmungen. Auffällig ist dabei, dass diese Erscheinungen häufig in überraschender Weise mit dem jeweiligen Resonanzfeld der Arbeit
korrespondieren, ohne daraus unmittelbar ableitbar zu sein.
Die Werke entwickeln sich über Wochen, Monate oder mitunter über Jahre hinweg. Jede neue Schicht verändert die Wahrnehmung der vorherigen und eröffnet neue Möglichkeiten der Bildwerdung. Der Arbeitsprozess endet nicht mit der Erfüllung eines Plans, sondern in dem Moment, in dem sich innerhalb des Werkes eine innere Stimmigkeit einstellt und weitere Eingriffe nicht mehr notwendig erscheinen.
Das seit 2016 verwendete Glas erweitert diesen Ansatz zu einem mehrschichtigen Wahrnehmungsraum. Vorder- und Rückseite bleiben gleichzeitig sichtbar und erzeugen Bildsituationen, die sich nicht auf eine einzige Oberfläche reduzieren lassen. Während die Malseite häufig verdichtet, kontrastreich und präsent erscheint, offenbart die Rückseite weichere, fließendere und räumlich offenere Strukturen. Das Bild besitzt keine eindeutige Vorderseite mehr, sondern entfaltet sich zwischen verschiedenen Ebenen des Sehens.
Lucia Fischers Werk versteht Malerei nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Prozess der Bildwerdung. Material, Zeit, Raum, Wahrnehmung und thematische Resonanz greifen dabei untrennbar ineinander. Die Arbeiten untersuchen die Bedingungen, unter denen Erscheinung entsteht – und den Moment, in dem etwas beginnt, als Form, Körper oder Gegenüber wahrnehmbar zu werden.