o. T. (gnothi seauton)
wolle, metallring, papier, handspiegel aus der eisenzeit der 1850er jahre, eisen vernickelt 2014
300 x 30 x 30 cm
o. T. (gnothi seauton) entwickelt sich entlang einer vertikalen Achse zwischen Hängung, Spiegelung und räumlicher Verdichtung.
Von einem runden Metallring herabfallende Wollstränge bilden eine säulenartige Struktur, die den Raum gliedert und zugleich durchlässig bleibt. Im Zentrum dieser hängenden Formation schwebt ein historischer Handspiegel, dessen Position weder vollständig verborgen noch vollständig freigelegt ist.
Die Wollstränge wirken wie eine weiche Membran, die den Spiegel umgibt und zugleich trägt. Sie bilden keine geschlossene Hülle, sondern ein offenes Gefüge aus einzelnen Fäden und Verdichtungen. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarkeit und Verbergen: Der Spiegel ist präsent, entzieht sich jedoch einer unmittelbaren Begegnung.
Am Boden sammeln sich die Wollstränge zu einer bewegten Formation. Die vertikale Ordnung der Säule löst sich hier auf und geht in eine weichere, organisch wirkende Ausbreitung über. Diese Verdichtung umschließt eine weiße Papierfläche, die als ruhiger Gegenpol zur Materialfülle der Wolle erscheint.
Der Hinweis gnothi seauton – „Erkenne dich selbst“ – verweist auf die antike Inschrift des Apollon-Tempels von Delphi. Die Arbeit greift diesen Gedanken jedoch nicht illustrativ auf. Der Spiegel fungiert nicht als Instrument der Selbstbetrachtung im klassischen Sinn, sondern als Ort einer möglichen Begegnung mit dem eigenen Blick. Seine Position innerhalb der hängenden Struktur erschwert den direkten Zugriff und macht deutlich, dass Selbsterkenntnis nicht als unmittelbare Verfügbarkeit erscheint.
Der historische Spiegel verstärkt diese zeitliche Dimension zusätzlich. Als Gebrauchsgegenstand aus einer vergangenen Epoche trägt er Spuren früherer Lebenswelten in sich und verbindet unterschiedliche Zeitebenen innerhalb der Installation. Gegenwart und Vergangenheit, Betrachtende und Betrachtetes, Innen- und Außenraum treten dadurch in Beziehung.
Die Arbeit bewegt sich zwischen Objekt, Installation und räumlicher Situation. Sie beschreibt keinen festen Zustand, sondern eröffnet ein Feld, in dem Fragen nach Identität, Selbstwahrnehmung und innerer Erkenntnis als räumliche Erfahrung erfahrbar werden. Die vertikale Säule, der schwebende Spiegel und die sich am Boden sammelnde Wolle bilden dabei ein Gefüge, das gleichermaßen an Schutzraum, Übergang und innere Sammlung erinnert.