o. T. (lautlos)

  

performative skulptur, 140 meter gestrickte stränge aus polyesterfransengarn, zwei eingehüllte menschen

pariser platz, französische botschaft, berlin

2015

175 x 100 x 100  cm

 

 

o. T.  (lautlos)  entstand 2015 als performative Skulptur im öffentlichen Raum vor der Französischen Botschaft in Berlin. Ausgangspunkt war die Reaktion auf den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Zwei Menschen sind vollständig in 140 Meter gestrickte Stränge aus dunkelgrauem Polyesterfransengarn eingehüllt. Das Material umschließt die Körper, verdeckt individuelle Merkmale und verwandelt die Personen in gemeinsame, nahezu archetypische Erscheinungen.

 

Die Figuren wirken zugleich anwesend und entrückt. Ihre Körper bleiben als grobe Form sichtbar, sind jedoch ihrer Individualität weitgehend entzogen. Das dunkle Fransengarn erinnert an Fell, Schutzschicht oder Hülle und erzeugt eine ambivalente Wirkung zwischen Geborgenheit und Beklemmung. Die Gestaltformation erscheinen still, schwer und in sich gekehrt. Sie stehen nicht für konkrete Personen, sondern für einen Zustand kollektiver Betroffenheit.

 

Im Kontext des öffentlichen Raumes entfaltet die Arbeit ihre besondere Spannung. Der Pariser Platz als Ort politischer Repräsentation und internationaler Öffentlichkeit bildet den Hintergrund für eine Geste, die bewusst auf Sprache, Parolen oder symbolische Eindeutigkeiten verzichtet. Stattdessen entsteht eine stille Präsenz, die sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht.

 

Die verhüllten Körper können als Trauernde gelesen werden, ohne dass Trauer ausdrücklich dargestellt wird. Die Arbeit formuliert keine Botschaft und erhebt keinen Anspruch auf Erklärung. Sie schafft vielmehr einen Raum des Innehaltens, in dem Verletzlichkeit, Verlust und gemeinschaftliche Erfahrung körperlich erfahrbar werden.

 

Das bereits in früheren Arbeiten verwendete Fransengarn erscheint hier nicht mehr als räumliche Struktur oder Objekt, sondern wird selbst zu einer tragbaren Membran. Es verbindet die beiden Personen zu einer gemeinsamen Erscheinung und verschiebt die Aufmerksamkeit vom Individuum auf eine gemeinsame menschliche Erfahrung.

 

o. T.  (lautlos)  versteht Stille nicht als Abwesenheit, sondern als Form der Präsenz. Die Arbeit reagiert auf ein Ereignis von großer gesellschaftlicher Tragweite, ohne es abzubilden. Stattdessen macht sie einen Zustand sichtbar: die sprachlose, körperlich spürbare Erfahrung von Trauer, Verletzlichkeit und Zusammenhalt.