Zufall?


Nachdem mein Studium mit meinen Meisterschülerabschluss 2012 endete, ging ich 6 Wochen den Jakobsweg an der Küste von Bilbao nach Santiago de Compostella, was ungefähr 700 km Fußweg war. Ein ästhetisches Ereignis hat mich auf dem Weg sehr tief  berührt, wie kein anderes auf diesem Weg. Im Nachhinein - so scheint mir - war es für mich bestimmt, denn die Intuition sprach und leitete mich, wie ich es aus der Malerei nur all zu gut kannte. Da es Bezug auf meine Malerei nimmt, möchte ich es hier gerne teilen.

 


Ich war in der dritten Woche unterwegs. An jenem Morgen bin ich in der Herberge deutlich früher als normal aufgewacht. Alle Mitpilger schliefen noch. Oft waren es die anderen, die zuerst wach waren und sich schon früh um 5 oder 6 Uhr auf den Weg machten. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl in mir, das mir signalisierte, mal genauer in mich hineinzuhören. Ich war in den letzten Tagen dauerhaft mit Menschen zusammen gewesen; wir liefen zusammen, wir aßen zusammen, wir schliefen gemeinsam ein und wachten auf. Wir erzählten uns unsere Leben und Sorgen und lachten und hatten Spaß. Meine Mitpilger hatte ich sehr lieb gewonnen und ich ertappte mich dabei, dass ich mich den anderen gern anpasste und ihr Tempo lief. Während ich die Gruppendynamik sehr genoss, habe ich meine eigenen Bedürfnisse nicht so sehr wahrgenommen, denn an manchen Stellen hätte ich gerne länger verweilt und an anderen Stellen hätte ich gerne gar nicht gesprochen. An jenem morgen aber sagte mir ein innerlich hin- und hergerissenes Gefühl, dass ich einerseits mit den anderen zusammen weiterlaufen wollte, andererseits entstand in mir ein sehr deutlicher Widerstand dagegen. Ein Wiederstand gegen jegliche Gemeinschaft tat sich von jetzt auf gleich auf. Sie äußerte sich in einer Art Wut und sofortigen "wissen", ich müsse mich jetzt sofort aus der Gemeinschaft lösen und meinen eigenen Weg gehen. Diese Wut sagte zu mir, ich solle nicht in eine "Laufroutine" verfallen und mich ausschließlich der Gemeinschaft hingeben. Andererseits zeigte mir eine Traurigkeit an, dass ich wieder mit meinen Pilgern zusammen sein wollte. Ebenso wollte ich nicht alleine gehen, weil ich nicht wusste, ob ich die anderen jemals wieder sehe! Es begannen Stimmen in mir laut zu werden: "Geh mit den anderen mit, dann bist du sicher, dann gehst du auch kein Risiko ein, dich eventuell allein zu fühlen." Ein sehr unruhiges Gefühl durchzog meinen Körper und forderte mich auf, jetzt sofort, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Zeug zu packen und loszugehen. Gehe los, sagte er, jetzt, bevor die Sonne aufgeht, du musst! So packte ich sehr geschwind meine Sachen und lief los und signalisierte den anderen, ich müsse heute allein gehen. Es war für die anderen ok und jeder konnte verstehen worum es geht. Ich konnte alles los lassen und dieser Lauf wurde ein großartiges Geschenk. Alle meine Zellen atmeten scheinbar auf, frei von jeglicher Erwartung zu sein, frei von den Energien und Dyamiken der Anderen. Wunderbar war das. Ich war wieder ganz bei mir, nur mit mir und völlig angstfrei vor Verlust! Das war unbeschreiblich, das Gefühl zu haben, dass ich meinen Weg, ja vielleicht den Weg meiner Bestimmung gehe. Ähnliche radikale Brüche kenne ich aus meiner Vergangenheit, wenn ich Wege einschlug, die mich zu viel von mir selbst entfernten. Auch wenn ich innerlich manchmal weinte, musste ich weiter gehen.


An jedem Morgen pilgerte ich also los und kam durch einen malerischen Ort mit lichtschwangern Blumen, Kornspeichern aus alten Zeiten und uralten Mauern, die mich flankierten. Es ging leicht bergab über stille, verschlungene und verwinkelte Gassen mit altem Kopfstein, auf dem vermutlich schon viele Pilger gelaufen sind. Ich genoss die Stille dieses verschlafenen Ortes und am Ende des Weges zwischen den Häusern eröffnete sich mir ein wunderbarer Ausblick auf einen weitläufigen Strand, der rechts – östlich -  flankiert von größeren schieferartigen Felsformationen mit viel Steingeröll am Rand des Strandes im Schatten lag.  Dieser  Strand zog mich magisch an die rechte Seite der langläufigen Bucht, über dessen Felskante die Sonne langsam hinüber kroch.


Luci a Fischer Jakobsweg

Lucia Fischer Jakobsweg Spanien

Ich wusste, hier muss ich verweilen. Ich setzte mich auf einen Felsen nahe dem Wasser um dort mein Frühstück einzunehmen. Ich war unsicher: was mache ich hier? Ich hörte das rhythmische Rauschen des Meeres und ich sah die diesige Luft über dem Strand liegen. Der Himmel breite sich wie ein riesiges Deckengemälde über mir aus. Wenige Spaziergänger mit Hunden waren in der Ferne zu sehen. Mit der Zeit wurde ich innerlich leerer und leerer und auch mein ständiger Gedankenstrom wurde zäher.  Das Frühstück hatte ich beendet, es war inzwischen gegen 9 Uhr und saß  etwas unsicher und unentschlossen dort. Was war? Ich konnte zu keiner Entscheidung kommen, sollte ich weiter gehen? Sollte ich bleiben? Was sollte ich machen? Keine Antwort folgte. So blieb ich einfach dort mit dem Blick aufs Meer sitzen und schaute mir das Wasser an, die Steine, die Felsen, den Sand, den Fluss des Wassers zwischen den Steinen mit seinen sich petersilienartig, kräuselnden Algenbetten. Neben meinem Stein, auf dem ich saß, sah ich einen kleinen Krebs im Sand krabbeln. Als ich ihn ansah, war er ganz schnell wieder unter dem Sein verschwunden. Es war ein kleiner Krebs, schwarz und flink. Er lebte offensichtlich an diesem Ort und vielleicht wollte es mich wissen lassen; denn innerlich sprach er zu mir, ich solle von seinem Stein verschwinden... Ich dankte ihm dafür. Mit diesem Signal stieg eine tiefe Ruhe in mir auf. Nacheinander trugen die Wolken am Himmel Friedlichkeit und die Schönheit zu mir. Jede Pore saugte diesen Friedensnebel ein. Eine zarte und leise Freude lud meinen Körper behutsam zum Umherschlendern ein. Der Krebs hatte es vielleicht schon gewusst und wollte nicht, dass ich es verpasse. :) So ging ich intuitiv und ziellos umher und kam an einen für mich unbeschreiblichen Ort. Ich sehe auf einmal dieses Gebilde:


Jakobsweg Spanien Luci a Fischer

Eine Süßwasserquelle am Strand, die dirkt ins Meer floß. Wie sie so vor sich hin blubberte, bildete sie diese unglaublich kraftvolle Form aus, als würde sie selbst in ihrem Zustand des fließenden Wassers brennen. Als sei sie selbst von einem Feuer der Elektrizität durchdrungen. Das Wasser, das sich seinen Weg bahnt und eine Wirbelsäule eines geheimnisvollen Wesens bildet. Diese Gebilde hat mich sehr überrascht und überwältigt, weil es so ganz ohne scheinbaren und mir logischen Zweck dort existierte. Als habe die Natur mir persönlich ein Bild gemalt und es an ausgewählter Stelle ausgestellt. Und während sie malt, bildet sie eine Form aus, die Urschwingungen in meiner eigene inneren Quelle anklingen ließen. Wunderbar. Als hätte ich nach tausenden von Jahren des Vergessens ein Wiedersehen mit meiner Urverwandschaft erlebt. Innerlich stieg eine vibrierende Freude auf. Meine innere Berührung vermag kein Wort auszudrücken. Plötzlich entpuppte sich der Strandabschnitt als einen magischer Ort des fließens, ein sich ewig wiederholendes Spiel der Verwandlung, der Verschwendung, der Urgesetzmäßigkeiten... 

 

Alles an diesem wunderbaren Ort mit seinem rhythmisch-beruhigenden Rauschen und der sonstigen Stille, unterliegt fließenden Gesetzen, so schien es mir. Fließendes und sprudelndes Wasser bahnt sich seinen Weg und es entstehen Verästelungen, Furchen und wirbelartige Ströme, die einladen, das Fenster zur Seele zu öffnen und die frische Luft der Verbundeheit einzuatmen.



Das alles hätte ich vielleicht nicht gesehen, wenn ich weiter den Weg  mit den anderen Pilgern gefolgt wäre. Denn niemand - außer 2 Menschen mit Hunden - waren in der Zeit an diesem Ort. So gilt es, sich seine Freiheit zu nehmen, wann immer es nötig wird, aus Mustern auszubrechen und neue Wege zu gehen.

 

Gegen frühen Mittag habe ich mich dann weiter auf dem Weg gemacht. Auch wenn es sich vielleicht ein wenig kitschig anhört: Zum Abschied habe ich Steine gesammelt und ihre weißen Linien, die durch Sedimentschichtungen im Gestein entstanden sind, so aneinander gelegt, dass sie alle Zusammen eine Linie bilden und im Kreis enden. So hat es irgendwie richtig angefühlt.