Die Sprache der Essenz

Nachdem meinem Meisterschülerabschluss 2012 ging ich 5 Wochen allein den Jakobsweg an der Küste von Bilbao nach Santiago de Compostella, was ungefähr 750 km Fußweg war. Ein Ereignis hat mich auf dem Weg sehr tief berührt, wie kein anderes. Im Nachhinein — so scheint mir —war es für mich bestimmt, denn die Intuition sprach und leitete mich, wie ich es aus der Malerei nur all zu gut kannte. Da es Bezug auf meine Kunst nimmt, möchte ich es hier gerne teilen.

Gemeinschaft oder allein?

Ich war in der dritten Woche unterwegs. An jenem Morgen bin ich in der Herberge deutlich früher als normal aufgewacht. Alle Mitpilger, die ich auf dem Weg kennen gelernt hatte, schliefen noch. Oft waren es die anderen, die zuerst wach waren und sich schon früh um 5 oder 6 Uhr auf den Weg machten. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl in mir. Es signalisierte mir, mal genauer in mich hineinzuhorchen. Ich war in den letzten Tagen dauerhaft mit Menschen zusammen gewesen; wir liefen zusammen, wir aßen zusammen, wir schliefen gemeinsam ein und wachten gemeinsam auf. Wir erzählten uns unsere Leben und Sorgen, waren fürsorglich miteinander, lachten, weinten und hatten Spaß. Meine Mitpilger hatte ich sehr lieb gewonnen und ich ertappte mich dabei, dass ich mich den anderen gern anpasste und ihr Tempo lief. Während ich die Gruppendynamik sehr genoss, habe ich meine eigenen Bedürfnisse nicht so sehr wahrgenommen, denn an manchen Stellen hätte ich gerne länger verweilt und an manchen Stellen hätte ich gerne gar nicht gesprochen und die Stille genossen.

 

An jenem Morgen auf dem letzte Drittel meines Weges aber sagte mir ein innerlich hin- und hergerissenes Gefühl, dass ich einerseits mit den anderen zusammen weiterlaufen wollte, andererseits erwuchs in mir ein sehr deutlicher Widerstand gegen Gemeinschaft. Dieser Wiederstand äußerte sich in einer Art Wut mit begleiteter Intuition, eine Art Evidenz-Erlebnis, das ich damals "wissen" nannte: ich müsse mich jetzt sofort aus der Gemeinschaft lösen und meinen eigenen Weg gehen. Diese innere Stimme sagte zu mir, ich solle nicht in eine "Laufroutine" verfallen und mich in der Gemeinschaft bewegen. Andererseits zeigte mir eine Traurigkeit an, dass ich mit meinen Pilgern zusammen sein wollte. Ebenso wollte ich nicht allein gehen, weil ich nicht wusste, ob ich die anderen jemals wieder sehe. Ein Abschied auf dem Jakobsweg bedeutet, die anderen zu Fuß nicht einholen zu können. Es begannen Stimmen in mir laut zu werden: "Geh mit den anderen mit, dann bist du sicher, dann gehst du auch kein Risiko ein, dich eventuell allein zu fühlen." Ein sehr unruhiges Gefühl durchzog meinen Körper und forderte mich auf, jetzt sofort, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Zeug zu packen und loszugehen. "Gehe los", sagte die Stimme, "Jetzt! Bevor die Sonne aufgeht, du musst!" So packte ich eifrig meine Sachen, lief los und signalisierte den anderen, ich müsse heute allein gehen. Es war für die anderen ok. Denn jeder konnte verstehen, worum es auf dem Weg geht.

 

Vertrauen in die innere Weisheit

Ich konnte alles Denken und damit auch Bewerten los lassen. Dieser Lauf wurde ein großartiges Geschenk. Alle meine Zellen atmeten scheinbar auf, frei von jeglicher Interaktion zu sein, frei von den Resonanzen und Dyamiken der Anderen. Wunderbar war das. Ich war (wieder) ganz bei mir, nur mit mir! Das war wunderbar an mir zu beobachten, wie sich die Emotionen an mir abspielten und ich wieder ganz in meinem Rhythmus bin, gesteuert durch meine intuitiven Impulse. Ähnliche abrupte Situationen und Brüche kenne ich aus meiner Biografie, wenn ich in Lebenssituationen war, die mich zu viel von meiner inneren Quelle entferten. Auch wenn ich innerlich manchmal bitterlich — z.B. wegen Abschieden — weinte, vertraute ich bis heute auf diese, meine, innere Stimme.

An jedem Morgen pilgerte ich also los und kam durch einen malerischen Ort mit lichtschwangern Blumen, Kornspeichern aus alten Zeiten und uralten Mauern, die mich flankierten. Es ging leicht bergab über stille, verschlungene und verwinkelte Gassen mit altem Kopfstein, auf dem schon unzählige Pilger gelaufen sind. Ich genoss die Stille dieses verschlafenen Ortes. Am Ende des Weges zwischen den Häusern eröffnete sich mir ein wunderbarer Ausblick auf einen weitläufigen Strand, der rechtsseitig flankiert war von größeren, schieferartigen Felsformationen am Rand eines Strandes der, mit viel Steingeröll zu seinen Füßen, im Schatten lag. Dieser Strand zog mich magisch an. Es entpuppte sich als eine langläufige Bucht, über dessen Felskamm die Sonne langsam hinüber kroch.

Der magische Ort

Ich wusste: Hier muss ich verweilen. Ich setzte mich auf einen Felsen nahe dem Wasser, um dort mein Frühstück einzunehmen. Ich war unsicher: Was mache ich hier? Meine Gedankenbewegung war stetig und ich kam nicht zur Ruhe in meinem Kopf. "Beeil dich, Du solltest hier nicht sitzen, dann kriegst Du keinen Platz in der Herberge mehr. Außerdem findest Du keine Mitpilger mehr und bleibst den Rest des Weges allein. Du musst was essen... etc."

 

Ich hörte das rhythmische Rauschen des Meeres und ich sah die diesige Luft über dem Strand liegen. Der Himmel breite sich wie ein riesiges Deckengemälde über mir aus. Wenige Spaziergänger mit Hunden waren in der Ferne zu sehen. Mit der Zeit wurde ich innerlich leerer und leerer und auch mein ständiger Gedankenstrom wurde zäher. Das Frühstück hatte ich beendet, es war inzwischen gegen 9 Uhr und ich saß etwas unsicher und unentschlossen dort. Was war? Ich konnte zu keiner Entscheidung kommen, sollte ich weiter gehen? Sollte ich bleiben? Was sollte ich machen? Mein Kopf war nach einer Weile angenehm leer. Keine Antwort folgte. So blieb ich einfach dort mit dem Blick aufs Meer sitzen und schaute mir ein Weile das Wasser an, die Steine, die Felsen, den Sand, den Fluss des Wassers zwischen den Steinen mit seinen sich petersilienartig, kräuselnden Algenbetten.

 

Neben meinem Stein, auf dem ich saß, sah ich einen kleinen Krebs im Sand krabbeln. Als ich ihn ansah, war er ganz schnell unter meinem Stein verschwunden. Es war ein kleiner Krebs, schwarz und flink. Er lebte offensichtlich an diesem Ort und vielleicht wollte er es mich wissen lassen, denn innerlich sprach er zu mir, ich solle  - gefälligst - von seinem Stein verschwinden... Hm. Er sprach zu mir. In meinem Kopf. Ich war überrascht. Ich dankte ihm dafür, weil mein Kopf immer noch leer war. Mit diesem Danke stieg eine tiefe Ruhe in mir auf. Nacheinander trugen die Wolken am Himmel Friedlichkeit und die Schönheit zu mir. Jede Pore saugte diesen Friedensnebel ein. Eine zarte, leise und sehr leichte Freude lud meinen Körper behutsam zum Umherschlendern ein. Der Krebs hat es vielleicht schon gewusst und wollte nicht, dass ich es verpasse und gab mir deswegen den Hinweis, ich solle losgehen. So ging ich intuitiv und ziellos umher und kam an einen für mich unbeschreiblichen Ort. Ich sehe auf einmal dieses Kunstwerk der Natur im Sand.

 

Die in sich ruhende Quelle

Es war eine Süßwasserquelle am Strand, die dirkt ins Meer floß. Mich beeindruckte es, weil sie so verschwenderisch war. Wie ein Kunstwerk, ruhte diese Quelle völlig "in sich". Wie sie so vor sich hin blubberte, bildete sie diese unglaublich kraftvolle Form aus, als würde sie paradoxerweise in ihrem flüssigen Zustand brennen. Brennendes Wasser!? Als sei sie selbst von einem Feuer der Elektrizität durchdrungen. Das Wasser, das sich seinen Weg durch den Sand bahnt und geheimisvolle Strukturen entwickelt und an Wirbelsäulen erinnert! Diese Gebilde hatte mich überwältigt, in die Erhabenheit katapultiert, weil es so ganz ohne scheinbaren und mir logischen Zweck dort existierte. Als habe die Natur mir persönlich ein Bild gemalt und es nur für mich an dieser exklusiv ausgewählten Stelle ausgestellt. Und während Mutter Erde malt, bildet sie eine Form aus, die Urschwingungen in meiner eigene inneren Quelle anklingen ließen. Wunderbar. Als hätte ich nach tausenden von Jahren des Vergessens ein Wiedersehen mit meiner Urverwandschaft erlebt. Innerlich stieg eine vibrierende Freude auf. Meine innere Berührung vermag kein Wort auszudrücken. Plötzlich entpuppte sich der Strandabschnitt als ein magischer Ort des Fließens, ein sich ewig wiederholendes Spiel der Verwandlung, der Verschwendung, der Urgesetzmäßigkeiten...und erinnerte mich an meine intuitiv entwickelte Kunstrichtung.

 

Alles an diesem wunderbaren Ort mit seinem rhythmisch-beruhigenden Rauschen und der sonnigen Stille unterliegt fließenden Gesetzen so schien es mir. Fließendes und sprudelndes Wasser bahnt sich seinen Weg und es entstehen Verästelungen, Furchen und wirbelartige Ströme, die einladen, das Fenster zur Seele zu öffnen und die frische Luft der Verbundeheit einzuatmen.

 

Die eigene Freiheit nehmen

Das alles hätte ich vielleicht nicht gesehen, wenn ich weiter dem Weg mit den anderen Pilgern gefolgt wäre. Denn niemand — außer zwei Menschen mit Hunden — waren in der Zeit an diesem abgelegenen Ort. So gilt es, sich seine eigene Freiheit zu nehmen — wann immer es nötig wird — aus Mustern auszubrechen, um seinen persönlichen Seelenweg zu gehen. Sollte es wirklich so sein, dass der Seelenweg der ist, der uns zu unserem Zuhause führt? Heute kann ich sagen: ja. So ist es. Die Sprache der Essenz ist das Zuhause.

 

Gegen frühen Mittag habe ich mich dann etwas wehmütig weiter auf den Weg gemacht. Als ich den Ort verließ, spüre ich sogleich den Gedankenstrom wiederkehren, der mich zielsicher mit allen Sorgen des Alltags versorgte. Zum Abschied habe ich Steine gesammelt und ihre weißen Linien, die durch Sedimentschichtungen im Gestein entstanden sind, so aneinander gelegt, dass sie alle zugleich eine Linie und einen Kreis mit 14 Steinen bilden. So hatte es sich richtig angefühlt. Heute, viele Jahre später erst, wird mir bewusst, was das für mein Leben bedeutet und welch tiefe Erkenntnis zugrunde liegt, die viele Menschen auf unserem Planeten jetzt entdecken: vom ich zum wir - Mannigfaltigkeit in der Einheit. Einheit in der Mannigfaltigkeit. Das in aller Unterschiedlichkeit verbindende und unsichtbare Band ist die Einheit — die Essenz — in uns.

 

Quellhaftes

 

 

An einer Quelle,

 

Vier Augen an zentrierter Stelle —

 

 

 

Zarte Dornen bilden einen Kreis —

 

Hohes Blau spiegelt sich weiß.

 

 

 

Dort im tiefsten Wurzelrot;

 

Von weit her  — trifft ein  — Mutters Herzensboot.

 

 

 

Ein ferner See erklingt in ihren Bohlen,

 

Gebärend frohlockende Himmelsfohlen. 

 

 

 

Jedes trägt Welten hinfort

 

zum Tanz an hell klingendem Ort.

 

 

 

Tauchen die Häupter in erhabenes Wasser,

 

Atmen Wellen trauten Verfassers.

 

­­­­­­­

 

Der Winkel versammelt die dichte Leere,

 

bändigt zartgelb betörende Schwere.

 

 

 

So silberschimmernd erstarkt die Sucht

 

der nun fernen Körperfrucht.

 

 

 

Lucia Fischer, 12/2012