Die Sprache der Essenz II

Nach einem Jahr der Pandemie und der staatlich auferlegten Verboten, viele Menschen aus unterschiedlichen Haushalten zu treffen, machte ich im Januar eine Reise nach Cuxhafen und traf dort meine Schwester. Ich genoss unsere Gemeinschaft. An einem Nachmittag sagte mir meine Intuition wie damals 2012 auf dem Jakobsweg, dass ich allein ans Meer gehen soll. Meine Schwester meinte, dass es ok für sie sei, sie hätte noch einiges zu arbeiten. Ich ging also gegen 14 Uhr los, eigentlich unwillig, da ich keien Lust auf Bewegung hatte und es sehr kalt war. Ich spazierte los, motiviert durch das Ziel, zur denkmalgeschützten Kugelbarke zu kommen.

Gedankenfrost

Eine unbändige Freude entflammt in mir, sobald ich den Fuß auf die Wiese außerhalb des Hauses betreten hatte. Sofort wurde es ruhiger in mir, Gedanken wurden weniger und ich kam mehr und mehr im "Jetzt" an. Meine innere Führung übernahm die Navigation. So lief ich los und erkundete die Weite der Landschaft.

Vertrauen in die innere Weisheit

Ich konnte alles Denken und damit auch Bewerten los lassen. Dieser Lauf wurde ein großartiges Geschenk. Alle meine Zellen atmeten scheinbar auf, frei von jeglicher Interaktion zu sein, frei von den Resonanzen und Dynamiken meiner Schwester und meiner eigenen Konflike. Wunderbar war das. Ich war (wieder) ganz bei mir, nur mit mir! Das war wunderbar an mir zu beobachten, wie sich die Emotionen an mir abspielten und ich wieder ganz in meinem Rhythmus war, gesteuert durch meine intuitiven Impulse. Ähnliche abrupte Situationen und Brüche kenne ich aus meiner Biografie, wenn ich in Lebenssituationen war, die mich zu weit von meiner inneren Quelle entferten. Auch wenn ich innerlich manchmal bitterlich — z.B. wegen Abschieden — weinte, vertraute ich bis heute auf diese, meine, innere Stimme.

An jedem Morgen pilgerte ich also los und kam durch einen malerischen Ort mit lichtschwangern Blumen, Kornspeichern aus alten Zeiten und uralten Mauern, die mich flankierten. Es ging leicht bergab über stille, verschlungene und verwinkelte Gassen mit altem Kopfstein, auf dem schon unzählige Pilger seit Jahrnunderten gelaufen sind. Ich genoss die Stille dieses verschlafenen Ortes. Am Ende des Weges zwischen den Häusern eröffnete sich mir ein wunderbarer Ausblick auf einen weitläufigen Strand, der rechtsseitig flankiert war von größeren, schieferartigen Felsformationen am Rand eines Strandes der, mit viel Steingeröll zu seinen Füßen, im Schatten lag. Dieser Strand zog mich magisch an. Es entpuppte sich als eine langläufige Bucht, über dessen Felskamm die Sonne langsam hinüber kroch.

Der magische Ort

Ich wusste: Hier muss ich verweilen. Ich setzte mich auf einen Felsen oder eher Klippe, nahe dem Wasser, um dort mein Frühstück einzunehmen. Ich war unsicher: Was mache ich hier? Meine Gedankenbewegung war stetig und ich kam nicht zur Ruhe in meinem Kopf. "Beeil dich, Du solltest hier nicht sitzen, dann kriegst Du keinen Platz in der Herberge mehr. Außerdem findest Du keine Mitpilger mehr und bleibst den Rest des Weges allein. Du musst was essen... etc."

 

Ich hörte das rhythmische Rauschen des Meeres und ich sah die diesige Luft über dem Strand liegen. Der Himmel breite sich wie ein riesiges Deckengemälde über mir aus. Wenige Spaziergänger mit Hunden waren in der Ferne zu sehen. Mit der Zeit wurde ich innerlich leerer und leerer und auch mein ständiger Gedankenstrom wurde zäher. Das Frühstück hatte ich beendet, es war inzwischen gegen 9 Uhr und ich saß etwas unsicher und unentschlossen dort. Was war? Ich konnte zu keiner Entscheidung kommen, sollte ich weiter gehen? Sollte ich bleiben? Was sollte ich machen? Mein Kopf war nach einer Weile angenehm leer. Keine Antwort folgte. So blieb ich einfach dort mit dem Blick auf das Meer sitzen und schaute mir ein Weile das Wasser an, die Steine, die Felsen, den Sand, das Fließen des Wassers zwischen den Steinen mit seinen sich petersilienartig, kräuselnden Algen. Ich hörte dem Rauschen zu und meine Gedankenbewegung wurde weniger.

 

Neben meinem Stein, auf dem ich saß, sah ich einen kleinen Krebs unter dem Stein hervorkommen und im Sand krabbeln. Als ich ihn ansah, war er ganz schnell unter meinem Stein verschwunden. Es war ein kleiner Krebs, schwarz und flink. Er lebte offensichtlich an diesem Ort und vielleicht wollte er es mich wissen lassen, denn innerlich sprach er zu mir, ich solle "gefälligst" von "seinem" Stein verschwinden... Hm. Er sprach zu mir. In meinem Kopf. Ich war überrascht. Ich dankte ihm dafür, weil mein Kopf immer leer war und ich ihn deswegen hörten konnte. Mit diesem Danke stieg eine tiefe Ruhe in mir auf. Nacheinander trugen die Wolken am Himmel Friedlichkeit und die Schönheit zu mir. Jede Pore saugte diesen Friedensnebel ein. Eine zarte, leise und sehr leichte Freude lud meinen Körper behutsam zum Umherschlendern ein. Der Krebs hat es vielleicht schon gewusst und wollte nicht, dass ich es verpasse und gab mir deswegen den Hinweis, ich solle losgehen. So ging ich intuitiv und ziellos umher und kam an einen für mich unbeschreiblichen Ort. Ich sehe auf einmal dieses Kunstwerk der Natur im Sand.

 

Die in sich ruhende Quelle

Es war eine Süßwasserquelle am Strand, die dirkt ins Meer floß. Mich beeindruckte es, weil sie so verschwenderisch war. Wie ein Kunstwerk, ruhte diese Quelle völlig "in sich". Wie sie so vor sich hin blubberte, bildete sie diese unglaublich kraftvolle Form aus, als würde sie paradoxerweise in ihrem flüssigen Zustand brennen. Brennendes Wasser!? Als sei sie selbst von einem Feuer der Elektrizität durchdrungen. Das Wasser, das sich seinen Weg durch den Sand bahnt und geheimisvolle Strukturen entwickelt und mich an Wirbelsäulen erinnerte! Diese Gebilde hatte mich überwältigt, in eine sehr deutlich spürbare Erhabenheit katapultiert, weil sie so ganz ohne scheinbaren und mir logischen Zweck dort existierte. Als habe die Natur mir persönlich ein Bild gemalt und es nur für mich an dieser exklusiv ausgewählten Stelle ausgestellt. Und während Mutter Erde malt, bildet sie eine Form aus, die Urschwingungen in meiner eigene inneren Quelle anklingen ließen. Wunderbar. Als hätte ich nach tausenden von Jahren des Vergessens ein Wiedersehen mit meiner Urverwandschaft erlebt. Innerlich erfasste mich eine vibrierende Freude. Meine innere Berührung vermag es in keine Worte auszudrücken. Plötzlich entpuppte sich der Strandabschnitt als ein magischer Ort des Fließens, ein sich ewig wiederholendes Spiel der Verwandlung, der Verschwendung, der Urgesetzmäßigkeiten ... und erinnerte mich an meine intuitiv entwickelte, einmalige Kunstrichtung mit fließenden Farben.

 

Alles an diesem wunderbaren Ort mit seinem rhythmisch-beruhigenden Rauschen und der sonnigen Stille unterliegt fließenden Gesetzen so schien es mir. Fließendes und sprudelndes Wasser bahnt sich seinen Weg und es entstanden Verästelungen, Furchen und wirbelartige Ströme, die einladen, das Fenster zur Seele zu öffnen und die frische Luft der Verbundeheit mit allem was ist einzuatmen.

 

Die eigene Freiheit nehmen

Das alles hätte ich vermutlich nicht gesehen, wenn ich weiter dem Weg mit den anderen Pilgern gefolgt wäre. Denn niemand — außer zwei Menschen mit Hunden — waren in der Zeit an diesem abgelegenen Ort. So gilt es, sich seine eigene Freiheit zu nehmen — wann immer es nötig wird — aus Mustern auszubrechen, um seinen persönlichen Seelenweg zu gehen. Sollte es wirklich so sein, dass der Seelenweg der ist, der uns nach Hause führt? Heute kann ich sagen: ja. So ist es. Die Sprache der Essenz ist das Zuhause.

 

Gegen frühen Mittag habe ich mich dann etwas wehmütig weiter auf den Weg gemacht. Als ich den Ort verließ, spürte ich sogleich den Gedankenstrom wiederkehren, der mich zielsicher mit allen Sorgen des Alltags versorgte. Zum Abschied habe ich Steine gesammelt und ihre weißen Linien, die durch Sedimentschichtungen im Gestein entstanden sind, so aneinander gelegt, dass sie alle zugleich eine Linie und einen Kreis mit 14 Steinen bilden. So hatte es sich richtig angefühlt. Heute, viele Jahre später erst, wird mir bewusst, was das für mein Leben bedeutet und welch tiefe Erkenntnis bis heute in meinem Herzen zugrunde liegt, die viele Menschen auf unserem Planeten jetzt entdecken: vom ich zum wir, von dem Ego zum Vertrauen ins Kollektiv, von der Konkurrenz hin zur Kooperation im Sinne der Mannigfaltigkeit in Einheit, Einheit in der Mannigfaltigkeit. In aller Unterschiedlichkeit verbindendet uns alle ein unsichtbare Band in Einheit — in unserer Essenz — in uns.

 

Quellhaftes

 

 

An einer Quelle,

 

Vier Augen an zentrierter Stelle —

 

 

 

Zarte Dornen bilden einen Kreis —

 

Hohes Blau spiegelt sich weiß.

 

 

 

Dort im tiefsten Wurzelrot;

 

Von weit her  — trifft ein  — Mutters Herzensboot.

 

 

 

Ein ferner See erklingt in ihren Bohlen,

 

Gebärend frohlockende Himmelsfohlen. 

 

 

 

Jedes trägt Welten hinfort

 

zum Tanz an hell klingendem Ort.

 

 

 

Tauchen die Häupter in erhabenes Wasser,

 

Atmen Wellen trauten Verfassers.

 

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Der Winkel versammelt die dichte Leere,

 

bändigt zartgelb betörende Schwere.

 

 

 

So silberschimmernd erstarkt die Sucht

 

der nun fernen Körperfrucht.

 

 

 

Lucia Fischer, 12/2012